HfG-Archiv Ulm
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Geschichte

Über die gesellschaftliche Verantwortung von Gestaltern

»Die HfG ist nicht nur eine Schule, an der man eine bestimmte Fachausbildung erhält; die HfG ist vielmehr eine Gemeinschaft, deren Mitglieder dieselben Intentionen teilen: der menschlichen Umwelt Struktur und Gehalt zu verleihen«.

(Tomás Maldonado, »Eröffnungsrede des Rektors der HfG«, am 5.10.1964)

Die Hochschule für Gestaltung Ulm war ein internationales Zentrum für Lehre, Entwicklung und Forschung im Bereich der Gestaltung industrieller Erzeugnisse. In fünf Fachgebieten – Produktgestaltung, Visuelle Kommunikation, Bauen, Information und Film – wurden Gestalter ausgebildet. Das Studium dauerte vier Jahre und wurde mit einem Diplom abgeschlossen. Der Unterricht bestand aus der Abteilungsarbeit, die dem praktischen Entwerfen gewidmet war und den für das Gestalten benötigten theoretischen Fächern. An der Ulmer Schule wurden Lehrstoff und Lehrmethoden für ein neues Berufsbild, das des Designers, erarbeitet. Das stetig weiterentwickelte pädagogische Konzept ist zu einem Modell geworden, das nach wie vor in der Designausbildung Relevanz hat.

»… fangen wir an, hier in Ulm …«

(studio null, »fangen wir an«, Typoskript vom 16.6.1948)

Inge Scholl und Otl Aicher engagierten sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beim Aufbau der Ulmer Volkshochschule (vh). Durch politische Bildung und Gestaltung der Umwelt sollte das demokratische Denken gefestigt und die Entstehung einer neuen Kultur gefördert werden.
Im Gedenken an ihre Geschwister Sophie und Hans Scholl, die als Mitglieder der Widerstandsgruppe »Weiße Rose« 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet worden waren, gründete Inge Scholl die Geschwister-Scholl-Stiftung. Diese wurde Trägerin der künftigen HfG. Ab 1949 planten Inge Scholl, Otl Aicher und Hans Werner Richter eine politisch und geisteswissenschaftlich orientierte Schule in Ulm. Durch ihren Kontakt zu Max Bill verlagerte sich der Schwerpunkt der Lehre in Richtung Gestaltung. John McCloy, der für Deutschland zuständige amerikanische Hochkommissar, die norwegische Europahilfe und die Bundesfinanzdirektion unterstützten das Projekt finanziell.

»ein neues lebensgefühl«.

(studio null, »fangen wir an«, Typoskript vom 16.6.1948)

Der erste Unterricht fand 1953 provisorisch in Räumen der vh Ulm statt. Josef Albers, Walter Peterhans, Johannes Itten und Helene Nonné-Schmidt unterrichteten die ersten 21 Studenten. Gleichzeitig erfolgte der Baubeginn der Hochschulanlage am »Oberen Kuhberg« nach Plänen von Max Bill. Im Jahr 1955 fand die offizielle Eröffnung statt. Auf dem Campusgelände lebten und arbeiteten Studierende und Dozenten aus der ganzen Welt.
An dem Raumplan des Gebäudes lässt sich erkennen, wie Max Bill das Ausbildungskonzept architektonisch umgesetzt hat. Kern des Lehrplans der HfG war die praktische Gestaltungsarbeit, dem entsprach die Grösse der Werkstätten. Ergänzend dazu wurden gestaltungsrelevante Inhalte aus verschiedensten Wissenschaften vermittelt. Das integrierte Leben und Arbeiten prägte den gesamten Alltag. So entstand eine »verdichtete« Studienatmosphäre, die entscheidend für die Auseinandersetzung mit Fragen der Gestaltung und der Gesellschaft war.

»Von der Kaffeetasse bis zur Wohnsiedlung«

(Max Bill, »Ansprache beim Richtfest zum 1. Bauabschnitt der HfG«, am 5.7.1954)

Diese Aussage Max Bills veranschaulicht das weit gefasste Ziel der Initiatoren, Gestalter für eine neue Massenkultur auszubilden. Die Ausbildung gliederte sich in die einjährige Grundlehre und die darauf folgende dreijährige Spezialausbildung in einer der Abteilungen Produktgestaltung, Visuelle Kommunikation, Bauen, Information und Film. Außer der Fachausbildung wurde den Studierenden ihre künftige kulturelle und soziale Verantwortung vermittelt.

Die Lehre konzentrierte sich auf die praktische Entwurfstätigkeit. Die Vermittlung wissenschaftlicher Kenntnisse und Methoden begleitete den Prozess vom Entwurf bis zum Ergebnis. So wurden in der Abteilung Produktgestaltung Gegenstände und Serien für die industrielle Produktion geplant und entworfen, innerhalb der Abteilung Bauen Modulsysteme für industrialisiertes Bauen entwickelt und in der Abteilung Visuelle Kommunikation mit den Mitteln der Typografie, Grafik und Fotografie an der Visualisierung komplexer Sachverhalte oder an kompletten Erscheinungsbildern gearbeitet. Die Abteilung Information, an der die Studierenden publizistisch tätig waren, ist ab 1964 nicht mehr weitergeführt worden. »Film«, erst bei der Visuellen Kommunikation angesiedelt, funktionierte ab 1961 als eine eigenständige Abteilung.

»Das Ulmer Modell«

(Otl Aicher, »archithese 15«, 1975)

Die Zeit zwischen 1953 und 1956 war geprägt von Max Bill als erstem Rektor. Dieser verstand die HfG als eine Weiterführung des »Bauhauses«, wie bereits 1952 in einem Schulprospekt offiziell erklärt wurde. Doch schon im Jahr 1956 fanden die ersten offenen Kontroversen über den pädagogischen Aufbau und das Lehrprogramm statt. Entgegen dem Konzept der »Bauhaus-Anhänger« forderten die jüngeren Dozenten ein eigenständiges, an Wissenschaft und Theorie orientiertes Ausbildungsmodell. Der Designer sollte nicht mehr übergeordneter Künstler, sondern gleichwertiger Partner im Entscheidungsprozess der industriellen Produktion sein. Dies betonte Tomás Maldonado in seiner programmatischen Rede auf der Weltausstellung in Brüssel 1958. Unzufrieden mit dem »Ulmer Modell« und der Form einer kollektiven Leitung, eines so genannten Rektoratskollegiums, trat Max Bill als erster Rektor zurück und verließ schließlich 1957 die HfG.

»Wissenschaft und Gestaltung«

(Tomás Maldonado und Gui Bonsiepe, »Wissenschaft und Gestaltung«, »ulm 10/11«, Mai 1964)

Nachdem Max Bill die Hochschule verlassen hatte, begann eine neue Phase: mit der Einrichtung der »Entwicklungsgruppen« öffnete man sich gezielt der Industrie. Die Entwicklungsgruppen funktionierten wie eigenständige Designbüros innerhalb der Hochschule. Viele der dort entstandenen Entwürfe gingen sofort in Produktion – zu den erfolgreichsten zählen die Audiogeräte für die Firma Braun, das Erscheinungsbild der Deutschen Lufthansa und die Züge für die Hamburger Hochbahn. Diese Industrieaufträge brachten einen starken Erfahrungsrückfluss in die Lehre und prägten die Hochschule und ihren Ruf entscheidend.

Im Herbst des Jahres 1958 fand eine große Ausstellung in der HfG statt. Nach fünfjährigem Bestehen präsentierte sich die HfG erstmals einer breiten Öffentlichkeit, zeigte Ergebnisse aus dem Unterricht und Arbeiten der Dozenten. Ebenfalls 1958 erschien die erste Ausgabe der HfG-Zeitschrift »ulm«, die bis zum Ende der Hochschule in deutscher und englischer Sprache herausgegeben wurde.

»design ist wie geschichte, nicht zwangsläufig, sondern gemacht«

(Otl Aicher, »archithese 15«, 1975)

In den 60er Jahren fand eine Verwissenschaftlichung der Lehre statt. Unter Dozenten wie dem Mathematiker Horst Rittel, dem Soziologen Hanno Kesting und dem Industrial-Designer Bruce Archer überwogen eine strenge, an mathematischen Operationen orientierte Methodik sowie analytische Studien z. B. zur Ergonomie oder Unternehmensanalyse. Intern hatte diese Ausrichtung massive Auseinandersetzungen zur Folge. Otl Aicher, Hans Gugelot, Walter Zeischegg und Tomás Maldonado widersetzten sich dieser Entwicklung und betonten dagegen, dass Gestaltung mehr als nur »analytische Methode« sein muss.

Folge der Diskussion war eine große Wanderausstellung, die 1963 zunächst in Ulm und Stuttgart gezeigt wurde, später in der »Neuen Sammlung« in München und im Stedelijk Museum Amsterdam. Hier präsentierte die Hochschule Ergebnisse aus dem Unterricht. Eine weitere Folge der grundsätzlichen Debatten war die Änderung der Hochschulverfassung und die Wiedereinführung eines auf eine Person beschränkten Rektorats, statt eines Kollegiums.

»Heroisch war nicht das Ende der HfG, sondern die Hoffnung am Anfang. Die HfG ist nicht zu messen an dem, was sie erreichte, sondern an dem, was zu erreichen ihr verwehrt blieb«.

(Gui Bonsiepe, »ulm 21«, 1968)

All die internen Auseinandersetzungen, die einerseits das »Experiment HfG« förderten und der Institution immer neue Impulse gaben, boten andererseits Anlass zu heftiger Kritik. So debattierte der Baden-Württembergische Landtag wiederholt über die Förderungswürdigkeit der Hochschule. Hinzu kam die hohe Verschuldung der Geschwister-Scholl-Stiftung, die dazu führte, dass Dozenten entlassen und Lehrveranstaltungen reduziert wurden. Im November 1968 beschloss der Landtag, die Zuschüsse zu streichen. Der Hochschulbetrieb wurde daraufhin unter Protest Ende 1968 eingestellt.

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